| Diegel:
Hin zur Kohle RUHRGEBIET.
Hin zur Kohle "Auf einmal wollen alle in diesem
Land nur noch Windräder bauen - einverstanden. Aber es
sollte doch bitte niemand, der über Nacht das Wort
Nachhaltigkeit zu buchstabieren gelernt hat, den
Menschen in diesem Land suggerieren, die Energielücke
nach dem Aus für die Kernkraft sei schon kurz- und
mittelfristig allein durch Windkraft zu
schließen." Weil dies so ist, ergibt sich für
Helmut Diegel (Foto), Hauptgeschäftsführer der IHK
Mittleres Ruhrgebiet, eine logische Schlussfolgerung:
"die konsequente Hinwendung zur heimischen
Kohle". Was Diegel darunter versteht, machte er auf
einer Pressekonferenz nach seinen ersten 100 Tagen als
IHK-Hauptgeschäftsführer deutlich: den Bau neuer,
hochmoderner Kohle- bzw. G- und D-Kraftwerke, um die
Energielücke nach dem Herunterfahren der Atommeiler -
möglichst in ganz Europa - in einer Übergangszeit zu
schließen. Aber nicht nur das. "Ich gehe noch
weiter und sage: Wir dürfen uns nicht abhängig von der
Energieerzeugung anderer Staaten machen. Wir dürfen
einerseits nicht erpressbar sein - andererseits darf
Strom nicht zu einem unbezahlbaren Luxusobjekt sowohl
für die Industrie als auch für den Verbraucher werden.
Wir müssen deshalb zur Sicherstellung unserer
Energieversorgung umgehend darüber diskutieren, ob und
wie wir den beschlossenen Ausstieg aus der
Kohleförderung vor dem Hintergrund der globalen
Entwicklung rückgängig machen können."
Diegel möchte mit
seinem Vorschlag eine Diskussion über eine längere
Laufzeit der derzeit bestehenden Bergwerke anstoßen.
Auch die Erschließung neuer Abbaufelder durch die RAG
dürfe kein Tabuthema sein. Dabei redet Diegel
ausdrücklich der Abkehr vom subventionierten Bergbau
das Wort, setzt auf "mutige Unternehmer", die
in die deutsche Steinkohle investieren, weil es sich
lohnt. Und dies sogar in mehrfacher Hinsicht: "Von
einer solchen Entscheidung pro Kohle würden
Bergbauzulieferer, würden hoch technologisierte
Industriezweige und Arbeitnehmer profitieren, weil eine
solche Entscheidung auch neue Arbeitsplätze für die
gesamte Region bedeuten würde." Diegel weiter:
"Der GAU in Japan muss uns die Augen öffnen. Die
Kernenergie ist keine Zukunftsenergie - die Zukunft sind
Erneuerbare Energien. Aber bis wir das Niveau bei der
Stromerzeugung erreicht haben, das wir zur Sicherung
unseres gesellschaftlichen Wohlstandes und der
Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Deutschland
brauchen, kann uns die heimische Kohle entscheidend
helfen." In diesem Zusammenhang übte Diegel
deutliche Kritik an RWE-Chef Jürgen Großmann, der
bekanntlich gegen die Stilllegung des Kernkraftwerks
Biblis A Klage eingereicht hat. "Meine ganz
persönliche Meinung lautet: Ich halte diese Klage vor
dem Hintergrund der Katastrophe in Japan geradezu für
zynisch. Dieser Unternehmensführer ist im Konzern
angeblich angetreten, die RWE auf Erneuerbare Energien
auszurichten. Nun die völlig richtige Entscheidung der
Bundesregierung, den Ausstieg aus der Atomenergie
einzuleiten, mit einer solchen Klage zu konter-
karieren, hat nach meinem Wertesystem mit Ethik und
Moral überhaupt nichts zu tun." Die Bemühungen
zur Ausweitung der Fahrverbotszonen im Ruhrgebiet ist
nach Ansicht des IHK-Hauptgeschäftsführers "eine
falsche Diskussion in der falschen Region zum völlig
falschen Zeitpunkt." Und diese Debatte sei nur der
Tatsache geschuldet, dass Grünen-Umweltminister
Johannes Remmel mit der festen Absicht ins Ministeramt
gekommen sei, das gesamte Ruhrgebiet mit einer
Fahrverbotszone zu überziehen. "Das nenne ich
Ideologie pur mit grüner Soße, die der Region, den
Menschen in dieser Region, den Unternehmen und den
Arbeitnehmern schadet." Es führe die Debatte
inhaltlich geradezu ad absurdum, dass die Grünen in
ihrer Argumentation auf Fahrverbotszonen drängten, um
die "regionale Hintergrundbelastung" zu senken
- die weder im Ruhrgebiet noch anderswo durch den
Autoverkehr bedingt sei. "Warum, frage ich dann,
müssen wir die Mobilität von Mensch und Wirtschaft
einschränken und Volksvermögen durch flächendeckende
Fahrverbote verbrennen?" Diegel plädiert für ein
differenziertes Vorgehen: "Ich verstehe
Luftreinhalteplanung ausdrücklich als Instrument für
mehr Gesundheitsschutz - hier geht es um den Menschen.
Wo also Messwerte unmissverständlich belegen, dass
Menschen in ihrer Gesundheit durch die Emissionen des
Autoverkehrs beeinträchtigt werden, sind auch
Fahrverbote sinnvoll - das Beispiel der Brackeler
Straße in Dortmund hat das bewiesen. Die Feuerwehr
löscht ja auch nur dort, wo es brennt. Oder..?"
Sinnvolle Ansätze zur Minderung der Schadstoffbelastung
der Luft sieht der IHK-Hauptgeschäftsführer an einer
ganz anderen Stelle. Die Automobilkonzerne sollten nicht
länger die Autos des vergangenen, sondern des 21.
Jahrhunderts bauen. Und diese Sicht besitzt auch einen
herausragenden lokalen Bezug: Für Diegel steht
konsequenterweise das Drängen auf den Bau von
Elektroautos bei Opel in Bochum auf seiner persönlichen
Prioritätenliste ganz oben. "Ich lade alle
verantwortungsbewussten Akteure, die wissen, dass Bochum
Opel und Opel Bochum nicht verlieren darf, dazu ein,
für dieses Ziel zu werben." In Bochum, dem Sitz
der IHK Mittleres Ruhrgebiet, haben zwei Aufgaben für
Helmut Diegel herausragende Bedeutung: Es müsse in den
nächsten Jahren gelingen, Bochum zu einer
"gelebten Universitätsstadt" zu machen.
Bislang führe diese "exzellente Universität"
ein Eigenleben, das weder den Studenten noch der Stadt
nutze. Der IHK-Hauptgeschäftsführer sieht sich
gemeinsam mit anderen Akteuren hier als Werber für eine
enge Partnerschaft zwischen Hochschulen und Stadt.
"Die Hochschulen sind ein gewaltiges Pfund, mit dem
wir wuchern können. Das wissen alle, und sicherlich ist
auch die Bereitschaft da, die entscheidenden Schritte
aufeinander zuzugehen. Aber: Bislang kommen die Akteure
nicht zusammen. Und das schadet Bochum im Wettbewerb der
Universitätsstädte ganz gewaltig." Die Chance,
die Bochum durch die Entscheidung der Landesregierung
zur Errichtung des Gesundheitscampus bekommen habe,
dürfe auf keinen Fall vertan werden. Damit erhalte
Bochum ein Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb der
Städte und Regionen, das auch eine nicht zu
unterschätzende Job-Wirkung besitze. "Und
Arbeitsplätze zu erhalten, besser aber noch, neue zu
schaffen, ist eine der größten Herausforderungen für
die Stadt und die Region." Zweites herausragendes
Thema: die Innenstadtentwicklung - und dabei aktuell die
"Standortentwicklung Viktoriastraße". Weder
aus städtebaulichen Gründen noch zur Attraktivierung
des Einzelhandelsstandortes ist es nach Diegels
Überzeugung notwendig, sowohl das Telekom- als auch das
Justizareal nach 2014 zu einer überdimensionierten
Einzelhandelsadresse zu entwickeln. Vielmehr drohe
dadurch die Gefahr, der "Aorta der City", der
Kortumstraße, das Blut abzuzapfen. "Es wäre
geradezu widersinnig, wenn man durch einen Baustein der
Innenstadtentwicklung einen anderen zerstören würde.
Dabei würde eine Wunde geschlagen, die auf Jahrzehnte
nicht mehr zu schließen ist." Die IHK Mittleres
Ruhrgebiet befürwortet in Abstimmung mit dem
Einzelhandelsverband eine Entwicklung, die ausgehend von
der Neubebauung des Justizareals auch eine Bebauung des
Husemannplatzes vorsieht, was die charmante Möglichkeit
eröffnen würde, den neuen Einzelhandelsbaustein
Justizareal an die Kortumstraße anzubinden. Dabei gibt
es noch etwas, was Diegel ausdrücklich vermieden sehen
möchte: "dass diese Stadt Schaden in der
Entwickler- und Investorenszene nimmt". Bislang
habe sich in der öffentlichen Wahrnehmung der Eindruck
verfestigt, der Rat der Stadt tendiere zu einer
Einzelhandelsentwicklung auf beiden Grundstücken. Eine
solche Entwicklung wäre aber angesichts der schon
bestehenden Eigentumsverhältnisse nur durch einen
Investor möglich. "Wenn sich in der Szene
herumsprechen sollte, dass es in Bochum keinen fairen
Wettbewerb um das beste Konzept und den besten Entwurf
gibt, sondern die Würfel schon vorher gefallen sind,
würden namhafte Entwickler und Investoren künftig
einen weiten Bogen um Bochum machen. Und auch dieses
kann sich diese Stadt nicht leisten."
Für den neuen
Hauptgeschäftsführer ist indes klar, dass sich die IHK
Mittleres Ruhrgebiet künftig auch stärker regional als
nur lokal platzieren wird. "Wir sind lebendiger
Bestandteil des mittleren Ruhrgebietes, wir wollen
überall Flagge zeigen, mit allen Akteuren in den Dialog
kommen - seien es die Gewerkschaften, seien es die
Arbeitgeberverbände, sei es das Handwerk, der Handel
oder seien es die Kirchen. Wir stehen zum Dialog für
alle engagierten öffentlichen Akteure bereit. Und wir
wollen viel stärker als bisher Flagge zeigen in Herne,
Hattingen und Witten." Man wolle für die
Unternehmen in der Region, für die Städte und damit
für die Menschen da sein. Und wenn die IHK Mittleres
Ruhrgebiet 2012 für ein Jahr die
"Federführung" innerhalb der
Ruhrgebietskammern übernimmt, "dann sollen von
Bochum aus Akzente in der gesamten Metropolregion
gesetzt werden", so Diegel.
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